Rom und retour: Ein Obelisk kehrt zurück

 

Das kolossale Beutegut aus Mussolinis Afrika-Feldzug wurde 2005 an Äthiopien übergeben

 

Rom ist Europas Metropole mit den meisten Spitzfeilern und bezeichnet sich gern als "Stadt der Obelisken". Mindestens 12 der steinernen Stelen aus dem alten Ägypten markieren die zentralen Plätze und Weggabelungen. Bereits im 16. Jahrhundert hatten die römischen Kaiser und Feldherren begonnen, die Obelisken auszugraben und nach Rom zu schaffen. Am 25. April 2005 wurde nun der letzte von vier Teilen des "Obelisken von Axum" nach Äthiopien zurückgebracht. Damit ging die lange, tragische Reise des steinernen Riesen zu Ende.

 

Der Aksum-Obelisk stand 68 Jahre in Rom

 

Begonnen hatte sie 70 Jahre zuvor. Der Äthiopien-Feldzug unter Benito Mussolini war ein politisch sinnloser und grausamer Gewaltakt, der Italiens Siegeszug über Libyen, Eritrea und Somalia verlängerte. 1936, nach siebenmonatigem Feldzug, marschierten die Truppen in Adis Abeba ein - nach unerwartet schwierigen Kämpfen gegen die waffentechnisch weit unterlegenen Äthiopier. Nur durch den Einsatz chemischer Waffen gelang es, das abessinische Zentrum zu unterwerfen. Als man Mussolini die Nachricht überbracht hatte, in Axum lägen Teile eines Obelisken am Boden, ließ er diese ungesehen von seinen Pionieren nach Rom schaffen. 180 Tonnen sakraler Steinblöcke wurden als Trophäe der Eroberung des abessinischen Königreichs in einer wochenlangen Reise zur Porta Capena gebracht. Roms Ingenieure spießten die zersägten Blöcke auf eine überdimensionale Eisenstange von 24 Metern Höhe, Mussolini gratulierte - und feierte eine Art Gründungsakt des faschistischen "Imperium Romanum".

Dass es sich bei dem Beutegut gar nicht um einen "Obelisken" - also um einen vierkantigen, Stein gewordenen Sonnenstrahl Atons, des ägyptischen Sonnengottes - sondern um eine vorchristliche abessinische Grabstele handelte, störte in Rom nicht weiter. Mussolini, ein Mann mit Sinn für politische Rituale und imperialistisches Gehabe, wollte seine Hauptstadt mit hoch aufgerichteten Symbolen italienischer Stärke schmücken, wie einst die Cäsaren.

Die Axum-Stele war zwischen 100 und 300 n. Chr. in der gleichnamigen Hauptstadt der Prinzessin von Saba errichtet worden. Das 1980 zum Weltkulturerbe erklärte Ensemble von mehreren Stelen, zu dem auch der besagte "Obelisk" gehört, wird von Kennern gern als das abessinische Stonehenge bezeichnet, wo der Mythos der Prinzessin und ihre politische Macht in Stein gemeißelt wurde. Die Kaiser Äthiopiens mussten bei ihrer Krönung vor diesen Basaltsäulen niederknien, um für die absolute Herrschaft legitimiert zu werden. Ein derartig machtvoller und historisch aufgeladener Pfeiler gefiel den italienischen Faschisten. Der Duce ließ den Steinriesen vor dem "Afrikaministerium" hinter dem Circus Maximus aufstellen, von wo aus Italien seine gierige Hand in den Süden streckte - ein mächtiges Souvenir, wenn schon nicht aus Ägypten, wenigstens aus Afrika.

Zehn Jahre später, 1947, verpflichtete der Friedensvertrag mit Äthiopien das Nachkriegsitalien, alle geraubten Beutestücke innerhalb von 18 Monaten zurückzugeben. Doch eine Rückgabe wurde nie ernsthaft erwogen. In Missachtung aller Verträge blieb die Stele bis 2005 in Rom und zierte die Piazza di Porta Capena, die heute ironischerweise den Vorhof der Welternährungsorganisation FAO bildet.

Warum wurde ein Relikt des faschistischen Imperiums unter Mussolini, Symbol der Unterdrückung, eines grausamen Kolonialkrieges und der Geschichtsvergessenheit, nicht zurückgegeben? Als Äthiopien 1958 an den Obelisken erinnerte, machte Italien nur eine Zusage für den Transport bis zum Küstenort Neapel - eine weitere Provokation an das afrikanische Land. Das äthiopische Parlament kündigte an, die diplomatischen Beziehungen so lange ruhen zu lassen, bis der Obelisk zurückgekehrt sei. Erst 1997 gab es zwischen den Premiers Meles Zenawi und Silvio Berlusconi ein erneutes Übereinkommen zur Rückgabe. Doch jetzt musste als Vorwand zur Untätigkeit der Welterbe-Status der Stele herhalten: Aufgrund konservatorischer Bestimmungen und einem zu hohen Transportrisiko seien den Zuständigen die Hände gebunden. Der Basalt sei zu empfindlich - wobei Smog und Klima in Rom dem Stein bereits stark zugesetzt hatten und ihn substanziell gefährdeten.

Am 28. Mai 2002 wurde Rom wie durch Götterhand an den Geist der Stele erinnert. Ausgerechnet am Vorabend des äthiopischen Unabhängigkeitstages schlug ein Blitz in den Obelisken auf der Piazza ein und beschädigte seine Spitze. Zeus hatte an Italiens Pflichtvergessenheit erinnert, und erst dieses mächtige Zeichen brachte Berlusconi zum Handeln. Nur wenige Tage später gab er bekannt, dass der Obelisk zurück nach Axum geschickt werden solle - mit 56 Jahren Verspätung.

In Äthiopien wurde die Stele mit einem rauschenden Fest empfangen. Gemeinsam mit Veteranen des Zweiten Weltkriegs, religiösen Führern und tausenden Schaulustigen begrüßten der Präsident und der Premierminister des Landes die Ankunft des letzten von vier Blöcken, der mit einer russischen Antonow-Maschine gebracht wurde. Präsident Girma Wolde Giorgis musste sich zu seiner Ansprache die Tränen wegwischen: "Dies ist das Reich der Königin von Saba, und nur hierher gehört der Obelisk." Im Herbst nach der Regenzeit wurde der Obelisk wieder zusammengesetzt und später an seinem alten Platz aufgestellt.

Der Obelisk war das neunte bedeutende Kunstwerk, das seit 2001 an Äthiopien zurückgegeben wurde. Den Anfang hatte 2001 ein schottischer Priester gemacht, der ein sakrales Altartuch zurückgab, das in der Schlacht von Magdala 1868 gestohlen worden war. Am 29. Oktober 2005, kurz nach der Rückkehr des Obelisken, wurde von der Anglo-Äthiopischen Gesellschaft in London ein Helm übergeben, der im 16. Jahrhundert einem portugiesischen Offizier gehört hatte. Als bedeutender Nachlass der Portugiesen, die einst das Königreich gegen feindliche Übergriffe schützten und an die sich Äthiopien vergleichsweise gern erinnert, war der Helm 1868 in die Hände eines britischen Soldaten geraten. Richard Snailham, Präsident der Gesellschaft in London, hatte den Helm in seiner Privatsammlung, nachdem er ihn von einem Nachfahren des Soldaten bekommen hatte - so lautet die Legende, die nun in Adis Abeba ihren Abschluss fand.

"Jetzt beginnt ein neues Kapitel. Unsere Kolonialzeit ist zu Ende", postulierte der italienische Botschafter Guido La Tella in seiner Ansprache in Adis Abeba. Doch die Rückgabe des Axum-Obelisken ist nicht mehr als eine Geste Italiens. Noch immer lagern in Roms Archiven wichtige Teile des abessinischen Kronschatzes, der im Kolonialkrieg geraubt wurde. Solange der Verbleib der unzähligen kostbaren Kriegstrophäen nicht geklärt ist, kann von einem Ende der neokolonialen Arroganz in Rom keine Rede sein.

Links:

Äthiopische Botschaft London: Die Rückkehr des Obelisken (Englisch)

Äthiopische Petition zur Rückgabe des Obelisken (Englisch)

UNESCO Weltkulturerbe: Axum (Englisch)

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